Südkurier, Singen, 17.11.2004

Die Weitgereisten landen in Singen

Der neue Schulleiter des Hegau-Gymnasiums: Frühstück bei Familie Uhlig

von GEORG BECKER

Dr. Uhlig mit Familie Bild links: Familie Uhlig beim Frühstück in ihrem neuen Singener Zuhause: Christine Uhlig hat Tochter Emilia auf dem Schoß, Andreas Uhlig kümmert sich um Charlotte. Bild: bec

An der Garage hinterm Haus nahe der Singener Innenstadt hängt schon der Basketballkorb. Für die älteste Tochter Charlotte mit ihren drei Jahren hängt der Korb ein bisschen hoch. "Den müssen wir vielleicht tiefer hängen", räumt der Vater bei der ersten Tasse Tee zum Frühstück ein. Für ihn hängt der Korb gerade richtig. Oder doch eher etwas zu niedrig. Immerhin ist Andreas Uhlig fast ein Basketball-Profi geworden.

Fast. Noch während der Schulzeit, genauer ein Jahr vor seinem Abitur, hat er sich für geordneteres Lernen und einen Abschied von einer größeren Karriere unterm Korb entschieden. Zwei bis vier Stunden täglich trainierte der Aufbauspieler Andreas Uhlig beim SSV Ulm für seinen Einsatz in der Juniorenliga, das war etwas viel. Vielleicht hat ihn ein bisschen das schlechte Gewissen geplagt, weil er mit seinem ersten Wurf als Kleinkind die Diplomarbeit seines Vaters ruiniert hat. Am Abend vor dem Abgabetermin hat Klein-Andreas aus dem Laufstall heraus mit dem Wurf eines Bauklotzes das Tuschefass auf dem Schreibtisch zum Kippen gebracht. Die Arbeit war verhunzt, Vater Guido musste den Abschluss des Ingenieurstudiums zwangsweise hinauszögern.

Doch das Basketballspielen hat der Vater nicht verboten. Inzwischen als Vertriebsleiter bei der Südwestpresse in Ulm gelandet, hatte er Geduld mit dem Sohn und beruhigte Mutter Elisabeth-Charlotte bei zweifelhaften schulischen Leistungen: "Das wird schon noch." Wegen des Basketballs ist Andreas Uhligs Reifeprüfung 1972 vielleicht nicht ganz so ausgefallen, wie sie hätte können. Deshalb ist er heute Rektor am Hegau-Gymnasium und nicht Arzt: "Eigentlich wollte ich Medizin studieren, aber mein Schnitt war zu schlecht."

Eigentlich wählte Andreas Uhlig an der Universität Tübingen die Fächer Biologie, Geographie und Chemie (kleine Fakultas) als Einstieg in die Medizin. Aber das Studium hat ihm so gefallen, dass er bis zum Ende seiner Doktorarbeit über den "Wasserhaushalt und Temperaturregulation bei Wüstentieren" durchgehalten hat. Und länger. Selbst Lehrerstellen im unmittelbaren örtlichen Umfeld des Kultusministeriums rings um Stuttgart haben ihn in seinem Wunsch bestärkt: "Ich wollte Schulleiter werden." Trainiert hat er für dieses Ziel als Trainer, immer wieder mit einer Basketball AG für Mädchen: "Mit dem Daimler-Gymnasium haben wir es fünf Mal ins Landesfinale Schüler trainieren für Olympia geschafft."

Nach Pretoria in Südafrika als Leiter der Deutschen Schule hat es Andreas Uhlig im Jahr 2000 auch geschafft. In der Abizeitung dort bekennt der neue Rex seine Neigung: Basketball sei etwas für die intelligente Fitness. Wie wirkt das auf eine Österreicherin, die in Freiburg aufgewachsen ist und in Pretoria Biologie und Sport unterrichtet? "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Christine Uhlig, nippt an ihrem Kaffee in ihrem neuen Domizil in Singen: "Und es ist immer noch Liebe auf den ersten und zweiten Blick."

Kaffee und Tee sind nicht die einzigen Unterschiede. Sie ist katholisch, ihr Vater ist der Rechtsgelehrte Carl Fürst von der Uni Freiburg, der Schwiegersohn ist evangelisch. Sie ist Jahrgang 1968, er ist Jahrgang 1951. Sie drückt im Fußball dem SC Freiburg die Daumen, er Borussia Mönchengladbach, weil er dort geboren ist. Sie spielt Handball, sie stand im Tor bei Alemannia Zähringen.

Deshalb ist klar, was die 18 Monate alte Emilia später spielen soll: "Handball." Noch ist es für Emilia viel zu früh, die beiden Bälle auseinander zu halten. Dafür kennt sie den Unterschied zwischen Elefant und Wasserbüffel. Beide Holzfiguren dienen als Serviettenhalter am Frühstückstisch. "Tiere im Zoo interessieren unsere Kinder nicht, die haben sie in Afrika in freier Wildbahn gesehen", sagt Andreas Uhlig. "Südafrika ist ein traumhaftes Land", schwingt bei Christine Uhlig die Sehnsucht mit. Doch so schnell, wie sie sich verliebt haben, so schnell wie sie sich am Nikolaustag 2001 verheiratet haben, so schnell haben sie sich entschlossen, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Der Grund war die schnelle Geburt der Tochter Charlotte und die Überlegung, wo sie aufwachsen sollte.

Das Thema Sicherheit ist in Südafrika allgegenwärtig, drei Überfälle hintereinander gaben den Ausschlag, wieder nach Hause zu gehen. In der Deutschen Schule in Pretoria wird das "Oktoberfest" groß gefeiert. Mit einer aus Bayern eingeflogenen Band und etwa 30000 Besuchern an drei Tagen. "Wir hatten rund 200000 Euro Umsatz." Während des Oktoberfests gleicht die Schule in Pretoria einer Festung, das Geld wird von einem Transporter der Bank alle drei Stunden abgeholt. Doch davon ließen sich bewaffnete Räuber erst am Tag nach dem Oktoberfest überzeugen. Sie überfielen das nun unbewachte Schulgebäude, setzten Schulleiter Andreas Uhlig die Pistole an die Schläfe und verlangten die Herausgabe des Geldes. Erst, nachdem die Räuber alles durchsucht hatten und nichts fanden, zogen sie ab. In Durban knöpfte ein Straßenräuber mit dem Messer Andreas Uhlig Handy und Brieftasche ab. "Damit muss man rechnen." Aber als in ihrem Wohnviertel eine Mutter und ihr Kind von Einbrechern erschossen wurden, weil das Kind zu schreien angefangen hatte, stellte sich die Aufenthaltsfrage. Schließlich war gerade Charlotte auf der Welt, Christine Uhlig sagt: "Alles war okay, aber nicht mit Kindern." Drei Überfälle in einem Schuljahr, die Familie zog es 2002 zurück nach Deutschland.

Warum dann nach Singen? Es sollte nicht so kalt wie auf der Schwäbischen Alb sein und nicht so neblig wie in Konstanz. Also Singen. "Wir haben an Fasching 2003 in Singen Urlaub gemacht." Noch sagt Andreas Uhlig Fasching statt Fasnacht, das wird sich ändern. Aber sein Eindruck unterm Hohentwiel glich dem von Südafrika: "Die Leute waren so etwas von freundlich." Seine Frau bestätigt: "Ich hab mich überhaupt nicht fremd gefühlt." Der erste Eindruck hat sich vertieft, das weltoffene Singen hat die Weitgereisten herzlich empfangen. Manche brauchen den See vor der Haustür, Uhligs genügt der Blick auf den Hohentwiel, die Gewissheit, dass man schnell am See ist und einen Platz für den Basketballkorb hat.