Südkurier, 27.01.2007
Radikale provozieren Referenten
von Susanne Gehrmann-Röhm
Mit einem eher mulmigen Gefühl verließen die Besucher eines
Vortrages zum Thema "Schüler im Visier des Rechtsradikalismus" am
Donnerstagabend die Aula des Hegau-Gymnasiums. Eine Gruppe von knapp
zehn jungen Erwachsenen, die offensichtlich zur rechtsradikalen oder
rechtsextremen Szene gehörte, verstand es, den Referenten Horst
Neumaier vom Landesamt für Verfassungsschutz in der Diskussion mit
geschickten Fragen gezielt zu verunsichern.
Eigentlich wäre da noch ein wenig Zeit für Fragen oder
Diskussion gewesen, doch als sich Horst Neumaier, stellvertretender
Referatsleiter im Referat 3 des Landesamtes für Verfassungsschutz,
durch Fragen von Mitgliedern der Gruppe provoziert fühlte,
würgte er das Ganze relativ unsouverän ab. Schade, denn
möglicherweise hätten anwesende Eltern, Lehrer oder
Schüler noch Fragen gestellt. Dann zogen die jungen Leute mit
einigen lautstarken Parolen friedlich von dannen.
Auf Einladung des Fördervereins der Schule war der Polizist
gekommen, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema "Rechtsextremismus
und Rechtsradikalismus" beschäftigt, um über das Thema
"Schüler im Visier des Rechtsradikalismus" zu sprechen und neueste
Zahlen zu erläutern.
Schon während des rund 75-minütigen Vortrages von Neumaier
hatten sich die schwarz gekleideten jungen Erwachsenen einmal mit
Applaus für den Ausschnitt einer Einführung zu einer CD
bedankt und damit irritierte Blicke bei den anderen rund zwei Dutzend
Anwesenden erzeugt. An Beispielen aus CDs zeigte Neumaier auf, wie die
rechtsextreme Szene ihre Anliegen geschickt in Musik verpackt. "Die
Musik ist neben dem Internet heute das Hauptwerbemittel", sagte
Neumaier. Ende 2005 habe es im Land Baden-Württemberg 1080
Gewaltbereite, 310 Neonazis und 2300 Mitglieder in rechtsextremen
Parteien gegeben. Fast 80 Prozent der Gewalttätigen kommen nach
Untersuchungen aus der jungen Altersstufe der 14- bis 20-jährigen
Hauptschüler und über 50 Prozent von ihnen haben Probleme im
Elternhaus.
Leider steige die Gewaltbereitschaft in dieser Szene seit Jahren an.
Schwerpunkte seien in Mannheim, Stuttgart, Karlsruhe und neuerdings
auch im Raum Ravensburg/Allgäu. Die ausgesprochenen Verbote
gegenüber solchen Vereinigungen hätten nur dazu geführt,
dass sie noch konspirativer agieren. Jugendliche würden von dieser
Szene gern mit kostenlosen CDs geködert. Diese werden oftmals bei
Musikveranstaltungen verteilt. "Die Musik ist hier die Einstiegsdroge
und Werbemittel zugleich", sagte Neumaier. Oftmals werde in den Texte
der Nationalsozialismus glorifiziert oder Ausländerfeindlichkeit
propagiert. Anhand der Beispiele konnten sich die Zuhörer davon
überzeugen.