Südkurier, 23.01.2004 06:06

Leichtes Spiel mit Alkopops und Wodka

Organisierte Alkohol-Testkäufe mit Jugendlichen in 27 Geschäften

VON SUSANNE GEHRMANN-RÖHM
Bild:
Vier jugendliche Testkäufer und ihre Ausbeute: Annkatrin Burkart (14), Felix Burkart (16), Lisa Burmeister (14) und Paula Lamprecht (14) (von links) waren beim Kauf von Alkohol in Singener Geschäften und Tankstellen recht erfolgreich. Bild: sgr

Wie einfach Jugendliche unter 18 Jahren in Singen an Alkohol gelangen, zeigte jetzt eine Testkaufaktion, die die Stadtjugendpflege organisiert hatte. In 17 von 27 Geschäften oder Tankstellen bekamen sogar 14-Jährige ohne Vorzeigen des Ausweises harte Sachen wie Wodka und auch die als Alkopops bezeichneten derzeitigen Modedrinks.

Bevor Günther Hagen, zuständig für Prävention bei der Polizeidirektion Konstanz und Armin Scheufele, Jugendsachbearbeiter beim Bezirksdienst der Polizei Singen, Reinhard Schwering von der Psychosozialen Beratungsstelle Singen sowie Stadtjugendpfleger Martin Burmeister rund 30 Interessierten die Problematik im Jugendkulturzentrum Blaues Haus erläuterten, informierte sie zusammen mit OB Andreas Renner über die Ergebnisse der Testkäufe. "Die Bilanz ist erschreckend", sagte Renner.

Die Jugendsozialarbeiter der Stadtjugendpflege hatten mit je zwei bis drei Jugendlichen, größtenteils unter 16 Jahren, in sechs Gruppen vor rund zehn Tagen zeitgleich versucht, in acht Tankstellen, 15 Supermärkten und vier anderen Läden Alkohol zu erwerben. Oft mit Erfolg. In 17 von 27 Läden bekamen sie nicht nur Alkopops, sondern auch harte Sachen wie Wodka ohne Vorzeigen des Ausweises. "Bei den acht Tankstellen hat nur eine den Ausweis der jugendlichen Käufer verlangt", sagte Burmeister. Der Gipfel sei folgende Aussage eines Tankstellenbesitzers gewesen: "Wie, Ihr wollt nur eine Flasche? Damit kann man sich aber nicht besaufen!" Nur zehn Läden verlangten den Ausweis, so wie ein Geschäft, wo sich die Kassierin trotz langer Schlange an der Kasse von der Volljährigkeit überzeugen wollte und daraufhin die Getränke nicht verkaufte.

Sehr überrascht, aber oft einsichtig zeigten sich die meisten Verkäufer oder Marktleiter, als sie nach den Testkäufen erfuhren, dass die Jugendlichen noch minderjährig waren. Die gängigste Ausrede lautete dennoch lapidar: "Die sehen doch aus wie 18." Dabei wollte man mit der Aktion keineswegs die Geschäftsinhaber reinlegen, betonte Renner beim Pressegespräch. "Gerade jetzt vor dem Narrentreffen und der Fasnacht wollten wir sensibilisieren, wie leicht Jugendliche an Alkohol kommen."

Auch Günther Hagen war von dem Ergebnis der Testkäufe sehr erstaunt. Gerade deshalb wolle man solche Aktionen wiederholen, sagte Martin Burmeister. "Wir sollten von Zeit zu Zeit Flagge zeigen, dass wir das Jugendschutzgesetz ernst nehmen." Vielleicht könne man dann auch Verbände des Einzelhandels oder der Gaststätten mit einbeziehen, schlug Hagen vor. In der Psychosozialen Beratungsstelle verzeichne man derzeit einen Anstieg von Jugendlichen, die Beratung wegen Alkoholproblemen suchen, so Reinhard Schwering. Deshalb sei Aufklärung das Wichtigste.

Wie gefährlich die so genannten Alkopops - diese modernen süßen Branntwein-Mischgetränke - sind, erläuterten Reinhard Schwering und Günther Hagen. "Viele Jugendliche wissen nicht, dass in jeder Flasche zwei bis drei Schnäpse enthalten sind." Es sei die Frage, ob es wirklich rund um die Uhr, also an Tankstellen, Alkohol geben müsse? Wie ein exzessiver Alkoholkonsum enden kann, hatte kürzlich der Fall einer Gruppe von 13-Jährigen an einer Singener Schule gezeigt. Sie hatten sich Wodka gekauft und eine Schülerin musste nach übermäßigem Konsum im Hegau-Klinikum ärztlich versorgt werden, erzählte Armin Scheufele. Wenigstens sind die Alkopops in den Festzelten beim Narrentreffen laut OB Renner nicht im Ausschank.

Susanne Gehrmann-Röhm
(Aus dem Südkurier, Ausgabe Hegau vom 23. Januar 2004)