suedkurier.de - 04.07.2005

"Schüler heute einfacher"

Wie sich der Beruf des Lehrers mit neuen Aufgaben verändert


VON SUSANNE GEHRMANN-RÖHM
94 Jahre Lebenserfahrung: Ekkehard Senn und Axel König (von links) unterrichten mit viel Idealismus am Singener Hegau-Gymnasium.
Bild: sgr

Singen (sgr)

Man muss seinen Unterricht so ändern, dass er zu den Interessen und Fähigkeiten der Kinder passt." Diesen Satz sagte die Leiterin der Finnischen Pisa-Studie Pirjo Linnakylä. Bewegung ist spätestens seit Pisa in die pädagogischen Konzepte der Bildungsminister gekommen. Wie sich der Beruf des Lehrers in den letzten 35 Jahren verändert hat, darüber sprach der SÜDKURIER mit Ekkehard Senn (60) und Axel König (34), beide Lehrer am Singener Hegau-Gymnasium und Vertreter zweier Generationen.

Als Ekkehard Senn sein Referendariat im Jahre 1972 in Rottweil antrat, hatte Axel König (Jahrgang 1971) gerade das Laufen gelernt. Heute sind die beiden Lehrer Kollegen im Fach Erdkunde, wobei Axel König dieses Fach in der Variante Französisch bilingual unterrichtet. Ekkehard Senn unterrichtet daneben die Fächer Deutsch und Gemeinschaftskunde. Als er sein Studium in den 60-er Jahren begann, waren es turbulente Zeiten.

Nach ersten Semestern in Freiburg und Würzburg ging Senn nach Heidelberg, wo der Fachbereich Politik gerade geschlossen worden war und er deshalb in Mannheim weiterstudierte. Durch das Studium der Fächer Politik und Germanistik sei der Weg in den Schuldienst schon vorbestimmt gewesen, zumal damals "händeringend Lehrer gesucht wurden", erinnert sich Senn. Aus diesem Grund dauerte das Referendariat damals auch nur ein Jahr. Nach einigen Jahren an Schulen in Wangen/Allgäu und Weinheim kam er 1978 ans Hegau-Gymnasium.

Der Beruf des Lehrers war für Axel König ein Traumberuf, denn er wollte mit Jugendlichen arbeiten. Seine eigene Schulzeit hat er an einem Gymnasium in Düren mit bilingualem Französisch-Zug verbracht. Wegen der geringen Berufsperspektiven in Nordrhein-Westfalen kam er vor knapp zwei Jahren nach dem Referendariat von Hamm/Westfalen nach Singen ans Hegau-Gymnasium.

Im Vergleich mit seinen Anfangsjahren als Lehrer empfindet Ekkehard Senn die Schüler heute als einfacher. "Schule ist für sie heute nur eine neben vielen anderen Sachen und sie nehmen es lockerer." Was aber auch dazu führe, dass sie weniger tun würden. In den 70-er Jahren habe es eher "grundsätzliche Konflikte" gegeben und "die Autorität des Lehrers war in Frage gestellt". Seit dieser Zeit sei man mehr und mehr vom Frontalunterricht weg zur Gruppenarbeit übergegangen. Auch die heutigen Abistreiche seien mit früheren Aktionen kaum zu vergleichen. Er habe in den 80-er Jahren einmal als Vertrauenslehrer einen Abistreich unterbinden müssen, weil die Schüler ihre Lehrer durch einen Stacheldrahtparcours hätten schicken wollen.

Axel König legt großen Wert auf die Freiarbeit und das kreative Arbeiten. "Heute sollen die Interessen der Schüler geweckt werden, sie zur Selbstständigkeit erzogen werden, sie sollen lernen, die neuen Medien auszuschöpfen und recherchieren." Durch die eigene Erschließung von Themen durch die Schüler gehe es im Unterricht aber bedeutend langsamer voran, so König. Inzwischen kommt durch neue Bildungsstandards und die Profilierung der Gymnasien immer mehr konzeptionelle Arbeit auf die Lehrer zu. Dies sei eine zusätzliche Belastung.

Dass sich aber gerade in Baden-Württemberg viel bewegt, war für König ein Grund, seinen Wohnsitz hierher zu verlegen. Für ihn biete der Lehrerberuf viele Möglichkeiten, vor allem in der pädagogischen Arbeit und im Miteinander. "Hier kann ich mit verwirklichen und mit gestalten." Und auch die Erfahrungen älterer Kollegen kommen ihm zugute. Während es für Ekkehard Senn erfrischend angenehm ist, inzwischen viele junge Kollegen zu haben. Die neuen Methoden umzusetzen, dafür bringen beide Kollegen die Neugier und den Idealismus für die nächsten Schuljahre mit. Ganz nach der Maxime von Albert Einstein: "Ein guter Lehrer ist erst ein guter Lehrer, wenn er die Kunst besitzt, dem Schüler Freude am Stoff beizubringen."