Josef Kraus leitet das Maximilian-von-Montgelas-Gymnasium in Vilsbiburg in der Nähe von Landshut und hat dort ein Klassenzimmer mit 40 Plätzen zur Mensa umgewidmet, wo jeden Tag 150 Schüler in Etappen essen. Eine Großküche liefert das Essen an, bis im Frühjahr 2006 der Mensabau beginnt. Josef Kraus und seine Schule haben Glück gehabt und Fördermittel aus dem IZBB-Programm zum Ausbau ihrer Schule in eine Ganztagseinrichtung bekommen.
Leer ausgegangen ist dagegen das Hegau-Gymnasium im rund 360 Kilometer entfernten Singen im Hegau. "Helfen Sie dem Hegau-Gymnasium", steht da in flehenden Worten auf einem Papier, in dem Schulleiter Andreas Uhlig und seine Kollegen die schwierige Situation an dem Gymnasium schildern. Für die 1100 Schüler in 42 Klassen gibt es 33 Klassenzimmer. Davon sind sieben Klassenzimmer nur 40 Quadratmeter groß und entsprechen nicht den Schulbaurichtnormen. Die Tische stehen hier so dicht, dass die Schüler in der vorderen Reihe den Kopf einziehen müssen, wenn der Lehrer die Tafel aufklappt.
"Über die Hälfte der Schüler sind Auswärtige, die mittags nicht nach Hause können", erzählt Andreas Uhlig. Im Erdgeschoss stehen ein paar Tische und Bänke, wo die Schüler ihre Hausaufgaben erledigen können. Die meisten sitzen auf den Stufen der Treppe. "Im Winter liegen die Schüler bäuchlings auf dem nassen, kalten Boden über ihren Heften", sagt Uhlig, der das Hegau-Gymnasium seit einem Jahr leitet. "Die Schule ist viel zu klein. Wir brauchen mehr Klassenzimmer und eine Cafeteria. Es fehlen Arbeits- und Aufenthaltsräume."
Mit dem achtjährigen Gymnasium haben sich auch die Bildungspläne verändert, die mehr Frei- und Gruppenarbeit und fächerübergreifenden Unterricht vorschreiben. In den kleinen Klassenzimmern am Hegau-Gymnasium lässt sich ein solcher Unterricht gar nicht umsetzen. Wenn es doch einmal nicht anders geht, sitzen die Schüler dicht an dicht und der Lehrer kann zu manchen von ihnen nicht mehr gelangen, weil kein Gang frei bleibt. Ab Klasse 7 müssen die Schüler einmal im Jahr eine Präsentation in einem Fach ihrer Wahl erarbeiten. "Die Schüler sollen selbstständiger arbeiten, doch das können sie hier nicht", sagt Uhlig. Für 1100 Schüler gibt es im Keller des Gymnasiums die Schülerbibliothek: Nur wenig Licht fällt durch die kleinen Fenster in den 35 Quadratmeter großen Raum, ein Computer steht auf dem Tisch, sonst gibt es keine Arbeitsplätze.
Sein Vorgänger habe zu lange gezögert mit dem Antrag, sagt der Schulleiter. Innerhalb kürzester Zeit haben er und seine 80 Kollegen im Herbst vergangenen Jahres ein pädagogisches Programm erarbeitet und den IZBB-Antrag im Dezember 2004 eingereicht. "Auch die städtischen Mitarbeiter haben innerhalb von sechs Wochen das gesamte Bauprogramm für die Schule auf die Beine gestellt", sagt Uhlig, der sich über die Unterstützung der Stadt Singen freut. Dass ihr Antrag abgelehnt wurde, haben Uhlig und seine Kollegen aus der Presse erfahren.
Im Hegau-Gymnasium haben Schüler mit Englisch als erster Fremdsprache 30 Wochenstunden in der fünften Klasse und 38 in der zehnten. Wer Französisch in der fünften Klasse wählt, hat 31 Stunden pro Woche in der fünften und 39 Wochenstunden in der zehnten Klasse. An anderen Schulen sehen die Wochenpläne ähnlich aus. Das bedeutet vor allem mehr Nachmittagsunterricht. Für Fünft- und Sechstklässler sind ein bis zwei Nachmittage pro Woche keine Seltenheit. Die Schulen müssen plötzlich die meisten Schüler über Mittag beherbergen, verköstigen können viele sie nicht und richten deshalb provisorische Mensen ein: In Konstanz müssen beispielsweise eine Hausmeisterwohnung, die Cafeteria des Klinikums oder die der Fachhochschule für die Schüler herhalten.
Der Wechsel von der Realschule ans Gymnasium ist schwerer geworden. Beim G8 kommt die zweite Fremdsprache bereits in der sechsten Klasse hinzu, in der Realschule nach wie vor erst in der siebten Klasse. In Bayern beobachtet Josef Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbands, dass Eltern ihre Schüler auf die Realschule schicken, weil sie sagen: "Das G8 tue ich meinem Kind nicht an."
"Wir haben zehn Jahre gegen G 8 gekämpft", sagt Karl-Heinz Wurster, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg. Seiner Ansicht nach braucht die gymnasiale Schulzeit neun Jahre. "Mit G8 sind die Kinder zugeschult mit Nachmittagen", kritisiert Wurster, der Geschichte und Englisch am Dillmann-Gymnasium in Stuttgart unterrichtet. Seine Oberstufenschüler sind jeden Nachmittag in der Schule und haben vor lauter Unterricht kaum Zeit, sich auf Klausuren und Seminararbeiten vorzubereiten. "Von der 30-Stunden-Woche eines VW-Arbeiters können 14-jährige Schüler nur träumen", sagt er. "Da kommen außerschulische Aktivitäten viel zu kurz."
Auch die Eltern sind besorgt. Christiane Staab, Vorsitzende des Landeselternbeirats, bekommt übers Internet viele Rückmeldungen von Eltern. Es fehle an Betreuungspersonal und die auswärtigen Schüler kämen erst spät am Nachmittag nach Hause, wo dann noch die Hausaufgaben auf sie warten. Der Bildungsplan sei nicht wirklich entrümpelt worden, kritisieren die Eltern. Elmar König, Pressesprecher am Kultusministerium, hält das für "Unfug". Im neuen Bildungsplan stünde ein Drittel weniger, sagt er. "Dort, wo Eltern und Schule vernünftig zusammenarbeiten, gibt es keine Probleme mit G8."
"Ich kann mir nicht vorstellen, dass G 8 scheitert", sagt der Singener Schulleiter Andreas Uhlig, "doch die Rahmenbedingungen müssen sich ändern." Ein erster Schritt ist für ihn und seine Schule getan. Aus dem Ein-Milliarden-Euro-Topf des Landes wird jetzt die Mensa für das Hegau-Gymnasium finanziert, dessen Anbau im Januar beginnt. Eine Zusage dafür gab es vergangene Woche.