Südkurier, 21.10.2005

Protest und Unterricht

Aus der Schule an die Luft: Schüler lagern Klassenzimmer aus

Kunst im öffentlichen Raum, das ist in Singen bekannt. Aber Schulunterricht im Eingangsbereich des Heikorn in der August-Ruf-Straße als Protest gegen die Raumnot im Hegau-Gymnasium, das war gestern Nachmittag für die Singener dann doch etwas Neues. Für Heinz Schnieber beispielsweise, der bei seinem Stadtbummel am Frischluft-Französischunterricht vorbeikam. Er blieb interessiert stehen und zeigte sich "positiv überrascht" von der Aktion, die von einem Vorspiel der Schul-Big-Band eröffnet wurde.

Klassenlehrerin Pia Lux setzte die Antigone in SzeneAuch Carmelio Bruno machte vor dem reisenden Klassenzimmer Station. Er verfolge die Singener Politik und es interessiere ihn, warum der Anbau für das Hegau-Gymnasium nicht gekommen sei. Das Platzproblem nach Außen zu tragen, finde er ganz gut: "Nur wer kämpft, kann gewinnen", lobte er die Schüler der 11d, die gestern ihre Erwartung auch kund taten: "Ich hoffe, dass der Anbau kommt", wünschte sich so der sechszehnjährige Hermann Stabel, der zusammen mit seinen Klassenkameraden die Frischluft-Schulbank drückte. Und dass Stress in der Schule nicht nur vor der nächsten Klassenarbeit aufkommen kann, demonstrierten die 33 Gymnasiasten mit dem originalgetreuen Nachbau ihres Schulzimmers eindrücklich: sechs Tischreihen auf 44 Quadratmetern, in denen Stuhllehnen an Hinterbänken kratzten, in denen sich zwischen Tischen, Stühlen und Schülern Platz für einen vielleicht 30 Zentimeter breiten Fluchtgang fand und in denen kein Platz für Schüler oder Lehrer mit Berührungsängsten blieb. "Beine übereinander schlagen geht nicht", sagte Klassenlehrerein Pia Lux vor Unterrichtsbeginn. "Wenn ich die Tafel aufklappen will, müssen sich drei wegsetzen, wenn ich eine Leinwand aufhängen will, müssen zehn Leute rücken", umschrieb sie den Zustand im altehrwürdigen Hegau-Gymnasium.

Darauf, dass von der Misere auch die Jüngeren betroffen sind, wies Jürgen Volker aus Gottmadingen am Rande des Protestunterrichts hin, dessen Sohn die sechste Klasse am "Hegau" besucht. "Da muss sich was tun", zeigte er, obgleich nicht in der Elternschaft organisiert, gestern Flagge: Nachmittagsunterricht ohne die nötigen Pausenräume kreidete er als Missstand an und sprach damit der Elternbeiratsvorsitzenden Ursula Klinkebiel-Henke aus der Seele, die beklagte, dass die Schüler durch die Raumnot über die Mittagszeit in die Stadt getrieben würden, was nicht zuletzt auch wegen des dort fehlenden gesetzlichen Unfallschutzes ein Problem darstelle.

Gregor Moser