22 Prozent der 15-Jährigen können einfache Texte nicht lesen und da es bei dem ersten Teil dieses Satzes um Statistik geht, kann ein großer Teil der Schüler - und ein großer Teil der Erwachsenen wohl ebenso - diese Aussage nicht sinnvoll verstehen. Es ist wenig tröstlich, dass der Anteil dieser beinahe Analphabeten damals bei 22,7 Prozent lag, denn 0,7 Prozent liegt schon fast im statistischen Rauschen.
Deutschland landete in der zweiten Pisa-Studie, an der in der Bundesrepublik 50.000 Kinder im Alter von 15 Jahren teilnahmen, erneut in den drei Testgebieten in der unteren Hälfte der Leistungstabelle von 31 Industriestaaten.
Nach dpa konnte sich Deutschland jedoch im Fach Mathematik um drei Plätze verbessern, aber der nun erreichte 17. Rang ist sicherlich keineswegs rühmlich. Wenn es ums Lesen und das Textverständnis geht, erreichen wir jedoch nur Platz 20.
Die Frankfurter-Rundschau vom 22. November zieht folgende Bilanz: "Drei Jahre nach der ersten Pisa-Studie belegt die Untersuchung erneut: In keinem anderen vergleichbaren Staat der Welt hängt der Schulerfolg so stark von Einkommen und Vorbildung der Eltern ab wie in Deutschland. Das deutsche Schulsystem versagt nach dem Fazit der Forscher bei der Förderung von Arbeiter- und Migrantenkindern. Bei gleicher Begabung hat ein Akademikerkind eine mehr als dreimal so große Chance, das Abitur zu erlangen, wie ein Facharbeiterkind."
"Beim Pisa-Schwerpunkt Mathematik zeigen deutsche Schüler zwar mittelmäßige Leistungen, wenn es um Grundrechenarten geht. Bei anspruchsvollen Aufgaben im Wahrscheinlichkeitsrechnen oder der Geometrie fallen sie jedoch zurück. In der Gesamtwertung Mathematik erzielt Deutschland gut 500 Punkte. Beim ersten Pisa-Test waren es 490. Im Nebengebiet Naturwissenschaften erreicht Deutschland nun den 16. Rang (zuvor 20). Auch der neue Test zeigt: In keinem anderen vergleichbaren Industriestaat klaffen so große Leistungsunterschiede zwischen guten und schlechten Schulen wie in Deutschland." (Frankfurter Rundschau, 22. November 2004)
Financial Times Deutschland schreibt dazu: "Einen Vergleich der Bundesländer haben die Kultusminister erst für den Herbst 2005 angekündigt, mit deutlichem Abstand zum Bundestagswahlkampf und zu wichtigen Landtagswahlen. Nach der ersten Studie hatten die Kultusminister sich um Aktion bemüht: Ganztagsschulen wurden Programm, die Länder erhalten bis 2007 eine Finanzspritze von 4 Mrd. Euro. Außerdem führten sie bundesweite Bildungsstandards ein. Der große Leistungsunterschied zwischen Kindern aus bildungsnahen und bildungsfernen Familien scheint auch Folge der frühen Auswahl für verschiedene Schulformen zu sein: Kein anderes Land sortiert seine Kinder so früh."
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wirft den Kultusministern Konzeptionslosigkeit bei der Schulreform vor. Es sei eine "Quittung für richtungslose Werkelei" und für die ständigen Verschlechterungen der Lern- und Arbeitsbedingungen in den Schulen, sagte GEW-Vorstandsmitglied Marianne Demmer in einem dpa-Gespräch.