Pisa, Aberglaube und die Chancengerechtigkeit

(Bernd Klein)

Verfolgt man die öffentliche Diskussion  über Pisa und die Folgen in deutschen Printmedien, so könnte man die verschiedenen Beiträge auch als  kollektives Gejammere ansehen. Insofern sticht der Artikel in der Welt vom 7. Dezember 2004 besonders heraus, denn hier gibt es plötzlich positive Töne: "Deutschlands Schulsystem ist besser als sein Ruf" ist der Artikel überschrieben.  Der Autor Joachim Peter kommt zu dem für viele sicherlich verwunderlichen Resümee, dass ein Blick in die neue Pisa-Studie zeige, dass die Bildungsreform längst gegriffen habe. Weitere Veränderungen seien zwar notwendig, aber ein Systemwechsel bleibe überflüssig.

"Mit dem jetzigen System der Dreiteilung wird Deutschland das Problem der Chancengerechtigkeit nicht lösen", sagt OECD-Bildungskoordinator Andreas Schleicher. Peter widerspricht dieser Ansicht in seinem Artikel und versucht  zu zeigen,  dass es sich für Deutschland lohne, an der hierzulande dominierenden Dreiteilung des Schulsystems in Gymnasium, Real- und Hauptschule festzuhalten. Auch wenn die Pisa Studie zu zeigen scheine, dass die Einheitsschule in einigen OECD-Staaten  erfolgreich ist, so zeige diese Untersuchung laut Peter auch, dass es sich für Deutschland durchaus auszahle, an dem bestehenden Schulsystem festzuhalten.
(zum Artikel in der Welt)

In einem anderen Artikel der Welt vom gleichen Tag geht Konrad Adam mit der Studie hart ins Gericht. Sein Artikel mit dem Titel Moderner Aberglaube sieht in der Pisa-Studie das Egebnis von zahllosen subjektiven Vorentscheidungen. An einer Beispielaufgabe, in der es darum geht unter bestimmten gewichteten Kriterien (Sicherheit, Sparsamkeit, äußeres Erscheinungsbild und Innenausstattung) das "beste Auto" zu bestimmen und anschließend den Bewertungsschlüssel so zu ändern, dass sich der benachteiligte Produzent als Sieger fühlen durfte.
Für Adam ist dies "ein schönes Beispiel für die Subjektivität, um nicht zu sagen: für die Willkür von Leistungsvergleichen." Die Studie leide unter demselben Makel, der den meisten Berichten anhafte, die mit dem Anspruch auf objektive Aussagen daherkommen: Ihre Objektivität sei nur vorgeschützt. Sie sei das Ergebnis von zahllosen, äußerst subjektiven Vorentscheidungen, von denen der Veranstalter selbst freilich nichts mehr wissen wolle. Dann sagt er:  "Wie heikel die Bewertung der Pisa-Testaufgaben ist, läßt schon der Umfang erkennen, den die Studie auf Korrekturhinweise verwendet. Die Anleitungen zur Bewertung von vollständig gelösten, teilweise gelösten oder nicht gelösten Aufgaben nimmt ein Mehrfaches dessen ein, den die Formulierung der eigentlichen Aufgabe beansprucht. Und das bei mathematischen und naturwissenschaftlichen Gegenständen, die das eindeutige Urteil zweifellos leichter machen als Aufgaben etwa aus dem sprachlichen und künstlerischen Bereich. "