Südkurier, 15.12.2004

Gefühl und Sicherheit Schulball:

Polizei ermittelt gewalttätigen Burschen

VON GEORG BECKER

Die gewalttätigen Begleiterscheinungen beim Schulball des Hegau-Gymnasiums vor zehn Tagen bleiben nicht ohne Folgen. Die Polizei hat den Burschen ermittelt, der mit den Füßen voraus in eine Autoscheibe gesprungen ist. Er hatte zusammen mit anderen eine Gruppe Schüler verfolgt, bis diese sich in das Auto haben retten können. Die Folgen des Tritts: Ein Insasse bekam einen Splitter ins Auge ab. Bei der Polizei habe der Beschuldigte die Tat eingeräumt. "Jetzt streben wir einen Täter-Opfer-Ausgleich an", erläutert Rainer Schacherer die weitere Vorgehensweise. Er ist als Polizist im Bezirksdienst Kontaktmann zu den Schulen. Der Täter-Opfer-Ausgleich beinhaltet sowohl eine finanzielle Entschädigung als auch eine persönliche Entschuldigung gegenüber dem Opfer auf dem Revier.

Ursache für das Ausrasten soll ein alter Streit seines Freundes mit dem Opfer gewesen sein. Der 18-jährige Täter selbst gehörte an diesem Abend nicht zu einer um das Gymnasium herumziehenden Gruppe von randalierenden Jugendlichen. Der 18-Jährige sei im Besitz einer Eintrittskarte gewesen und habe ungehindert Zutritt zum Schulball gehabt. Bei seiner Vernehmung soll er gesagt haben, dass ihm das Geschehene leid tue. "Hinterher sagen sie das immer", kennt Schacherer die Ausflüchte.

Das sind die konkreten Nachwirkungen der Vorfälle rund um den Schulball. Der weniger fassbare Teil dreht sich um die Frage der Sicherheit, der objektiven und der persönlichen Wahrnehmung. Der exzessive Alkoholgenuss, die Beschädigung von Autos und die Spur an Scherben haben das Vertrauen in eine relative Sicherheit bei manchem Einwohner in Frage gestellt. Diese Gewaltbereitschaft war eher den Jugendlichen zuzuordnen, die nicht am Sicherheitsdienst vorbei in die Turnhalle kamen und zum Teil aus Familien von Spätaussiedlern kommen.

Das Sicherheitsgefühl des Einzelnen geht andere Wege als die offiziell festgestellten Tatsachen durch die Polizei. Im Singener Verwaltungs- und Finanzausschuss sprach Oberbürgermeister Andreas Renner davon, es sei bekannt, "dass Banden durch den Hegau ziehen". Auf Anfrage von Stadträtin Marion Czajor (Neue Linie) hat der Fachbereichsleiter für Soziales und Ordnung bei der Stadt, Torsten Kalb, von Plätzen berichtet, die von diesen Gruppierungen aufgesucht werden. Aus der Tiefgarage im Obi seien sie von einem privaten Sicherheitsdienst vertrieben worden. Ein Anlaufpunkt sei jetzt der Parkplatz beim Bauhaus. "Da treffen sich zum Teil 60 bis 100 Jugendliche", sagt Kalb.

Die Polizei mag diese Zahlen nicht bestätigen. Dieter Glocker, Leiter des Bezirksdienstes, geht zu diesen Äußerungen auf Distanz: "Diese Jugendlichen als Banden zu beschreiben, ist übertrieben." Klar, fällt der Polizei auf, dass sich Jugendliche aus Spätaussiedler-Familien schwer tun würden, sich in die Gesellschaft einzugliedern. Wenn sie stark alkoholisiert seien, nehme die Tendenz zur Gewaltbereitschaft zu. Dennoch hält Glocker fest: "Auf eine massive Körperverletzung treffen wir selten."

Das mag stimmen, genau so wie der gefühlte Bedrohungsfaktor für manche Singener vorhanden ist. Nach der Berichterstattung über die Vorfälle rund ums Hegau-Gymnasium gingen Anrufe in der SÜDKURIER-Redaktion ein, die auf einen Verlust des Sicherheitsgefühls schließen lassen. So würden manche Bewohner in der Nordstadt bestimmte Stellen meiden. "Wir nehmen das ernst, das Sicherheitsgefühl darf nicht verloren gehen", sagt Glocker. Der Polizist weist darauf hin, dass es solche Ängste schon immer gegeben habe. Und er will es auch nicht auf die Stadt bezogen wissen: "Es ist ein Problem, aber es ist kein Singener Problem", glaubt Glocker. Die von der Polizei vermittelte Sicherheit soll beim nächsten Schulball im Hegau-Gymnasium erhöht werden. Kontaktmann Rainer Schacherer verspricht: "Mit der neuen Schulleitung und der SMV setzen wir uns zusammen und besprechen, was wir machen können."