Mit der Veröffentlichung der Ergebnisse der aktuellen PISA-Studie ist jetzt auch bei den verantwortlichen Politikern angekommen, was wir Eltern längst wissen: Eine gute Bildung ist vom Einkommen der Eltern abhängig. Wenn Herr Öttinger auf die Bildungsstruktur mit Hinweis auf die vielen unterschiedlichen Bildungswege hinweist, die angeblich nicht berücksichtigt wurde, zielt er knapp daneben.
1. Einkommensschwächere Eltern müssen bereit sein, mindestens 25 Jahre lang nicht nur das Leben und Wohnen ihre Kinder, sondern auch zunächst die nicht gerade preiswerten „Schulnebenkosten“ und später Studiengebühren zu finanzieren.
Wir haben zwar eine „Lernmittelfreiheit“, aber neben den Schulmaterialien ist beispielsweise ein PC erforderlich. Die Schüler müssen sich den Umgang damit weitgehend selbst erarbeiten, die Schulen können nur einen Einstieg anbieten. Ausgebildete Lehrer gibt es noch zu wenige, ein PC-Arbeitsplatz für jeden Schüler bei weitem nicht. Aber in Gymnasien sind selbständig erarbeitete Präsentationen mithilfe des PC Pflicht.
Eltern, die im ländlichen Raum wohnen, müssen ihre Kinder zu den weiterführenden Schulen transportieren lassen. Die Monatskarten sind ein teurer regelmäßiger Ausgabeposten.
An Ausflügen, Schullandheimaufenthalten, Studienfahrten und Schüleraustauschmaßnahmen für die Fremdsprachenförderung möchten wir unsere Kinder natürlich auch teilnehmen lassen.
2. Einkommensschwächere Eltern, in der Regel ohne eigenen Hochschulabschluss, sind sich im Klaren darüber, dass ihrer Unterstützung beim Lernen Grenzen gesetzt sind. Der Unterrichtsausfall durch Krankheiten, Kuren und Fortbildungen sorgt für Kompression des Lernstoffs in den verbleibenden Stunden. Wenn ein Schüler den Anschluss verliert, gibt es bei der dünnen Lehrerversorgung und der fehlenden Infrastruktur kaum Auffang-Möglichkeiten. Nachhilfeunterricht muss teuer erkauft werden.
Unsere Gymnasien müssen Kinder in übervollen Klassen, mit mangelnder Ausrüstung, zuwenig Lehrern und veralteten Methoden ausbilden. Ganztagesbetriebe werden, wie am Beispiel des Hegaugymnasiums zu sehen ist, nicht vom Land mitfinanziert, auch wenn der Bedarf längst nachgewiesen, die Lehrer noch so gute pädagogische Konzepte erarbeiten und Eltern noch so massiv auf die Barrikaden gehen. Kinder ab 10 Jahren, die nicht in der Mittagspause nach Hause können, werden allein gelassen, müssen sich selbst organisieren und Eltern haben in dieser Zeit selbstverständlich die Aufsichtspflicht, obwohl sie diese gar nicht aus weiter Ferne ausüben können. Ausserunterrichtliche Aktivitäten müssen aufgrund mangelnder Räumlichkeiten und angeblich nicht finanzierbaren Personals auf ein absolutes Minimum reduziert werden.
Und anstatt solche lösbaren Probleme anzupacken und die große Bereitschaft, das Engagement und die Motivation aller Beteiligten zum Wohle unserer Kinder nutzen, fällt unserer Landesregierung nichts anderes ein, als zwei Städte gegeneinander auszuspielen, die untereinander auf allen möglichen Ebenen aushandeln dürfen, wer den größeren Bedarf, die bessere Lobby und das aggressivere Durchsetzungsvermögen hat.
Schulstatistiken aus osteuropäischen Ländern mit eine Abiturquote von 80%(!) aller Schüler sprechen ihre eigene Sprache. Kinder, die wie hier bei uns in ihren Lernbedürfnissen nicht ernst genommen werden, erkennen auch die Wichtigkeit ihres schulischen Engagements nicht. Die Vorwürfe, unsere Jugend sei nicht mehr leistungsbereit, werden fleißig zwischen Gesellschaft, Lehrern und Eltern im Kreis herum gereicht, derweil finanzkräftige Mitmenschen und Politiker ihre Kinder längst auf Privatschulen schicken. Da gibt es solche Probleme nicht.
Ursula Klinkebiel-Henke
Ehem. Elternbeiratsvorsitzende des Hegaugymnasiums