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Südkurier, 9.01.2005

Ministerium sperrt sich

Brief erklärt Ausbau des Hegau-Gymnasiums für hinfällig 

Zumindest für Verwirrung hat ein Schreiben des Kultusministeriums gesorgt. Darin wird der vom Gemeinderat beschlossene Ausbau des Hegau-Gymnasiums als "hinfällig" erklärt. Landtagsabgeordnete Veronika Netzhammer und Singens OB Andreas Renner haben bereits protestiert, doch das Kultusministerium bleibt vorläufig hart.
 
VON GEORG BECKER

Singen - Veronika Netzhammer, die Landtagsabgeordnete und CDU-Fraktionsvorsitzende im Singener Gemeinderat, will aus "einer Mücke keinen Elefanten" machen. Doch Tatsache ist, das Schreiben aus dem Kultusministerium des Landes Baden-Württemberg existiert und ist im Rathaus Singen eingetroffen. Darin heißt es: "Die Entscheidung, das Gymnasium in Engen zu bauen, macht den Ausbau des Hegau-Gymnasiums hinfällig." Veronika Netzhammer will sich von dem Brief "eines Regierungsrats" aus dem Kultusministerium nicht irritieren lassen: "Der Ausbau des Hegau-Gymnasiums wird kommen, alles andere ist Kaffeesatzleserei."

Das hat die Landtagsabgeordnete nach der frohen Botschaft für die Stadt Engen bereits verkündet. Das Gymnasium in Engen werde gebaut und die Pläne für das Hegau-Gymnasium würden davon unberührt bleiben. Die Rechnung lautete: Singen bekommt eine Gymnasiumsklasse weniger - statt bisher sieben Zügen auf dem Friedrich-Wöhler-Gymnasium und vieren auf dem Hegau-Gymnasium künftig nur noch insgesamt zehn. Der zweite Zug für Engen wird mit Schülern bestückt, die bisher ihrer höherbildenden Schulempfehlung aus Entfernungsgründen zu Singen nicht nachkommen wollten.

Die gleiche Rechnung macht OB Renner auf: "Beide Gymnasium in Singen werden auf Dauer fünfzügig." Er bewertet das Schreiben aus dem Kultusministerium nicht als unfreundlichen Akt, sondern nur als "missverständlich". Das Hegau-Gymnasium werde so umgebaut, wie der Gemeinderat es beschlossen habe - mit sechs neuen Klassenzimmern für den Ganztagesbetrieb: "Das war geklärt, bevor Engen eine Zusage bekommen hat." Die Kosten werden auf knapp 4,2 Millionen Euro geschätzt, vom Land erwartet man knapp 1,4 Millionen Euro Zuschüsse.

Doch das Ministerium mag bei diesen Plänen nicht mehr mitspielen. Hansjörg Blessing, stellvertretender Pressesprecher im Kultusministerium, hat gestern die offizielle Sprachregelung seines Hauses herausgegeben: "Nach den bisherigen Gesprächen beziehungsweise Planungen reicht langfristig Raum für neun Züge an beiden Singener Gymnasien aus." Das Ministerium stellt den Zusammenhang mit Engen her: "Ein prognostizierter, vorübergehender Mehrbedarf hätte durch sechs multifunktionale Räume aufgefangen werden können. Nach der Zusage für Engen ist nach Auffassung des Kultusministeriums und aufgrund der vorliegenden Zahlen der notwendige Bedarf in Singen gedeckt." Der Verhandlungsweg wird noch nicht für beendet erklärt: "Sollte die Stadt anderer Auffassung sein, sind weitere Gespräche erforderlich." Sieht ganz danach aus.


Im Singener  Teil des Südkurier fand sich auch am gleichen Tag ein Kommentar von Georg Becker zu diesem Thema:

Gerupftes Singen 

Hegau-Gymnasium

Mit der "Überflüssigkeitserklärung" für den Ausbau des Hegau-Gymnasiums hat das Kultusministerium den Städtefrieden zwischen Engen und Singen in Frage gestellt. Mögen auch CDU-Politiker wie OB Andreas Renner und Landtagsabgeordnete Veronika Netzhammer das Schreiben aus Stuttgart als "missverständlich" herunterspielen. Tatsache ist: Die Ministerialbeamten stellen einen Zusammenhang zwischen der Zusage für das Gymnasium in Engen und dem geplanten Ausbau für das Hegau-Gymnasium in Singen her. Auf der Strecke bleibt Singen. Dort platzen die Gymnasien aus allen Nähten, ein neues Gymnasium in Engen sorgt vielleicht in ein paar Jahren für Entspannung. Das hat das Ministerium fein gelöst, die Kasse wird geschont und die Stadt wird gerupft, die gleich zwei prominente Freunde von Günter Oettinger in ihren Reihen hat. Netzhammer und Renner haben ihn und nicht Kultusministerin Annette Schavan als künftigen Ministerpräsidenten unterstützt. Zufall? Kann sein.